Erstmals hat die „aktuell“ Redaktion Martin und Max Viessmann gemeinsam interviewt. Sichtbares Zeichen des eingeleiteten Generationswechsels im Unternehmen. Und zugleich ein schöner Abschluss eines besonderen Jahres, wie wir finden.


„aktuell“: Herr Professor Viessmann, das Jubiläumsjahr 2017 war geprägt von einer Reihe hochkarätiger Veranstaltungen. Was ist Ihnen persönlich am stärksten in Erinnerung geblieben?

Prof. Dr. Martin Viessmann: Der Besuch unserer Kanzlerin Angela Merkel zur Einweihung des Technikums wird sicher in die Geschichte unseres Unternehmens eingehen. Mich hat ihre Rede tief beeindruckt, in der sie unseren Weg in den vergangenen 100 Jahren hervorgehoben hat. Sehr emotional war für mich der Jahrhundert-Moment, als 15 000 Mitarbeiter und ihre Familien gleichzeitig in unseren Jubiläumssong einstimmten. Und es hat mich gefreut, dass auch die Auslandsgesellschaften mit großer Begeisterung gefeiert haben – zum Beispiel in China, wo ich live dabei war.

Max Viessmann: Richtungsweisend habe ich die ISH erlebt. Wir haben mit unseren Kunden spannende Diskussionen geführt, und ich habe eine große Einigkeit festgestellt, dass wir gemeinsam und entschlossen die Chancen der Digitalisierung nutzen wollen. Ich glaube, dass wir dort mit unseren Marktpartnern wirklich den Schalter umgelegt haben. Wir hatten 2017 viele Highlights, auch im Ausland mit der Expo in Kasachstan oder der Einweihung des Werks im russischen Lipetsk. Das Prägendste für mich ist aber die Aufbruchstimmung, die wir erleben.

„aktuell“: Dieser Aufbruch steht im Zeichen großer Herausforderungen wie der Energiewende und der Digitalisierung. Wie gehen Sie damit um?

Prof. Dr. Martin Viessmann: Mit großer Entschlossenheit und Begeisterung. Denn wir sehen in diesen beiden Megathemen vor allem Chancen. Bei der Energiewende gehen wir als Technologieführer voran und bieten schon heute marktverfügbare Lösungen, mit denen jeder Anlagenbetreiber seinen Anteil leisten kann. Eine davon ist die hochinnovative Brennstoffzellentechnologie, die den Schwerpunkt dieser “aktuell” Ausgabe bildet. Die noch größere Herausforderung ist aber die Digitalisierung, die zugleich Voraussetzung für die Energiewende ist.

Max Viessmann: Ja, ganz sicher. Ob Wärme- und Kältetechnik, Stromversorgung oder Verkehr – Technologie hat schon immer die Lebensqualität der Menschen gesteigert. Dies ist im Kontext des Internet der Dinge nicht anders. Daher wird jedes Viessmann Produkt digital sein oder digitale Komponenten haben, so wie es heute schon oft der Fall ist. Und durch Konnektivität kann datenbasiert der Bedarf für ein Heizungs-Update oder eine neue Anlage ermittelt werden.

Wenn man sich auf die Chancen der Digitalisierung fokussiert, bietet sie unseren Marktpartnern also riesige Möglichkeiten, das eigene Geschäft auszubauen. Wenn nicht, dann birgt sie allerdings ein hohes Risiko. Denn in unsere Märkte dringen neue, agile Player ein, die mit geringen Kosten und hohem Tempo versuchen, die Kundenschnittstellen zu besetzen. Darauf müssen wir Antworten finden, und ich meine, mit Tools wie dem Heizungsrechner oder Vitoguide sind wir auf einem sehr guten Weg.

„Eine andere Unternehmenskultur
kann man nicht ‚anordnen‘.“

Prof. Dr. Martin Viessmann


„aktuell“: Sie sprechen damit die externen Chancen an. Wie rasch schreitet denn die digitale Transformation im Unternehmen voran?

Max Viessmann: Zunächst mal: Die Digitalisierung ist für uns kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung, um auch in Zukunft gemeinsam mit unseren Marktpartnern nachhaltiges Wachstum zu erwirtschaften. Dabei nutzen wir digitale Lösungen nicht nur, um besser zu werden in dem, was wir tun. Wir nutzen sie vor allem auch, um anders zu werden, als wir in der Vergangenheit waren.

Insgesamt treiben wir die Digitalisierung auf drei Ebenen voran: Zum einen schaffen wir eine zukunftsorientierte, unternehmerische Kultur und digitalisieren alle relevanten internen Prozesse im bestehenden Kerngeschäft. Zum anderen werden neue digitale Produkte und unternehmerische Modelle entwickelt, die das bisherige Kerngeschäft erweitern. Und schließlich investieren wir in neue Geschäftsfelder, insbesondere im sogenannten Deep-Tech-Bereich, zu dem unter anderem die künstliche Intelligenz zählt. Dabei ist uns klar, dass die digitale Transformation nur gelingen kann, wenn wir die Mitarbeiter fit machen für die vor uns liegenden Herausforderungen. Es bringt wenig, den Mitarbeitern zu sagen, dass nun alles anders ist. Viel wichtiger ist, dass sie Teil des Prozesses sind.

„aktuell“: Das hört sich nach einem umfassenden Kulturwandel an. Wie weit sind Sie damit bei Viessmann?

Prof. Dr. Martin Viessmann: In der Tat arbeiten wir sehr intensiv daran, unsere Unternehmenskultur zu verändern. Und zwar so, dass sie Kreativität und Eigenverantwortung nicht nur zulässt, sondern auch fördert und damit Innovation treibt. Wir müssen uns von einer hierarchischen Führungskultur hin zu einer durchlässigen Organisation entwickeln, die Vordenker auf allen Ebenen fördert. Das heißt vom Warten auf Entscheidungen „von oben“ hin zu mehr Eigenverantwortung. Von der Dominanz der Zentrale hin zu mehr Freiheit in den regionalen Märkten. Vom rein ingenieurgetriebenen hin zum kundenorientierten Unternehmen. Und nicht zuletzt von Bedenklichkeit hin zur Begeisterung für das Neue, insbesondere das Digitale.

Mein Sohn hat betont, wie entscheidend es ist, die Mitarbeiter bei diesem fundamentalen Wandel mitzunehmen. Die Veränderung einer bestehenden, gelebten Unternehmenskultur kann man nicht von oben „anordnen“. Man erreicht sie auch nicht durch Hochglanzbroschüren, sondern nur durch Verinnerlichung und Leben von Werten. Dabei sind wir deutlich vorangekommen: Die Aufbruchstimmung, die in unserem Jubiläumsmotto zum Ausdruck kommt, ist im ganzen Unternehmen spürbar. Deshalb bin ich für die Zukunft sehr zuversichtlich – nicht nur vor dem Hintergrund der vorgenommenen Weichenstellungen.

„aktuell“: Gilt diese Zuversicht auch für unsere Branche? Welche Themen werden wichtig, und wie können sich unsere Marktpartner darauf einstellen?

Max Viessmann: Unsere Branche hat sich immer den Bedürfnissen der Menschen angepasst – Viessmann ist das beste Beispiel dafür: Wir haben immer wieder kleine und große Ver‧änderungen, sogar ganze Strukturwandel gemeistert. Dabei ging es jedoch zumeist darum, einen Teil der Wertschöpfung zu verbessern, etwa die Fertigung durch die Einführung von Lean Production.

Bei der Digitalisierung aber verhält es sich anders, denn sie durchdringt alles. Märkte, Chancen und Risiken wandeln sich in sehr schneller Abfolge, und unser Ziel ist es, gemeinsam mit unseren Marktpartnern an dieser Veränderungsgeschwindigkeit maßgeblich zu partizipieren. Ein Beispiel: Früher haben unsere Kunden aus dem Heizungsfachhandwerk das Produkt ausgeliefert und den Lebenszyklus weitgehend dem Endkunden überlassen. Heute können sie – etwa durch vernetzte Heizungssysteme – zusätzliche Services anbieten. Damit sind sie im Idealfall in der Lage, einen Fehler bei der Heizung festzustellen, bevor die Heizung ausfällt und der Anlagenbetreiber im Kalten sitzt. Gerade in den bevorstehenden Weihnachtstagen eine Idealvorstellung, oder?

„Der Weg, den wir bei Viessmann gehen, lautet ‚Digitalisierung made in Germany‘. Partnerschaftlich, nachhaltig und dem gemeinsamen Erfolg verpflichtet.“

Max Viessmann


„aktuell“: Viel ist im Wandel, auch in der Politik. Welche Erwartungen haben Sie an die zukünftige Regierung in Deutschland?

Prof. Dr. Martin Viessmann: Wenn die Energiewende gelingen soll, dann muss zwingend der Modernisierungsstau im Gebäudebestand aufgelöst werden. Voraussetzung dafür wiederum sind verlässliche Rahmenbedingungen. Es muss ein fairer Wettbewerb um die besten technischen Lösungen möglich sein; nur dann kann die große Innovationskraft der Industrie auch genutzt werden. Weiterhin ist es wichtig, dass die Politik die Weichen in Richtung Digitalisierung stellt. Dazu gehört nicht nur der zügige Ausbau des Breitband-Internetzugangs. Es ist auch wichtig, dass die Digitalisierung noch stärker als bisher in die Bildung Einzug hält. Das sollte schon in der Grundschule beginnen oder – in spielerischer Form – im Kindergarten und sich dann bis ins Studium und ins Berufsleben fortsetzen.

„aktuell“: Zum Schluss noch eine persönliche Frage an Sie beide: Was sind Ihre Wünsche beim Aufbruch in das zweite Jahrhundert von Viessmann?

Prof. Dr. Martin Viessmann: Es ist unser gemeinsames Ziel, dass Viessmann auf Dauer ein unabhängiges und eigenständiges Familienunternehmen bleibt. Wir wollen insbesondere unseren Kunden und Mitarbeitern ein verlässlicher Partner sein. Indem wir gemeinsam mit dem Fachhandwerk die vor uns liegenden Chancen nutzen, werden wir unsere seit vielen Jahrzehnten bewährte Marktpartnerschaft weiter stärken. Der erfolgreiche Übergang auf die nächste Generation ist dafür von zentraler Bedeutung, und ich bin dankbar, dass wir hier auf einem sehr guten Weg sind.

Max Viessmann: Es erfüllt mich mit großer Freude, dass mein Vater mir sein Vertrauen schenkt und ich den Wandel mit ihm gemeinsam gestalten kann. Wir sind uns beide im Klaren, dass unsere Kultur Strategie-tragend sein muss, da ist der Wandel unabdingbar. Es begeistert mich, dass unsere Mitarbeiter mit großem Engagement dabei mitziehen und den Wandel mehr und mehr selbst treiben.

Aber Sie haben mich ja nach meinen Wünschen gefragt. Ich möchte, dass wir in unserer Branche in vielen Jahren auf diese Zeit zurückblicken und sagen werden: Wir haben gezeigt, wie man „Digitalisierung made in Germany“ richtig macht – partnerschaftlich, nachhaltig und dem gemeinsamen Erfolg verpflichtet. 

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Jahrgang 2018

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